Die ausgewürgte Würde des Amtes

Die ausgewürgte Würde des Amtes

Ein Suche nach „Wulff“ und „Würde des Amtes“ führt bei Google momentan zu 230.000 Treffern. Es ist wahrscheinlich keine andere Phrase im Zusammenhang mit der Affäre häufiger genannt worden. Geschwungen wurde sie sowohl von den Medien als auch von Politikern jeglicher Couleur. Direkt nach Wulffs Rücktritt zeigten sich dann die wirklichen Abnutzungserscheinungen an der so häufig herausgestellten Würde des Amtes.

Als sei die Phrase nun zu oft, fast schon inflationär genutzt worden, haben die Parteien sie gleich wieder entsorgt. Die Opposition, und dabei insbesondere die Grünen, hadern nun auf einmal mit dem als parteiübergreifend bezeichneten Kandidaten, den sie beim letzten Mal noch selber ins Rennen geschickt hatten. Und der Kanzlerin wird nachgesagt, sie sei gegen Gauck gewesen, weil man ihr damit – wie geschehen – vorwerfen würde, sich von der FDP vorführen zu lassen. Damit offenbaren sie allesamt, dass es ihnen damals und heute nur um Parteitaktik ging und geht, und dass man mit Gauck vor allem Merkel und Co. eins auswischen wollte. Die Opposition ist nun in die eigene Falle gelaufen, die sie damals auslegte. Und damit dies möglich wurde, musste die CDU die Kröte schlucken, einen von der FDP vorgeschlagenen Kandidaten durchzusetzen.

Wenn es bei der Besetzung des Bundespräsidenten, dessen Posten in der ganzen Affäre moralisch bis ins Unendliche überhoht wurde, aber auch jetzt wieder nur darum geht, dem politischen Gegner eins auszuwischen und sich taktische Vorteile bei künftigen Koalitionen und im politischen Tagesgeschäft zu sichern, dann ist es mit der Würde nicht mehr weit her.

Je weniger Macht ein Amt ausüben kann, desto mehr scheint es als moralinsaure Projektionsfläche zu dienen, was von der Würde nicht viel übrig lässt. Ähnliche Ansprüche hat man ja auch an Monarchen in konstitutionellen Monarchien wie der britischen und an machtlose Kirchenoberhäupter wie den Papst.

Vielleicht wäre genau jetzt die passende Gelegenheit gewesen, dass letzte aus der Monarchie hinübergerettete Amt zu entsorgen. Wenn die moralische Aufrüstung weiter geht, dann bleibt auch bei Gauck zu befürchten, dass er über kurz oder lang daran scheitern wird. Gerade weil er nicht als angepasster Denker bekannt ist, was schon jetzt zu den ersten Gegenprotesten und Unterstellungen führt, deren Widerlegung von den Wenigsten betrieben wird. Auch ist es demokratisch witzlos, einen Kandidaten aufzustellen, der der Kandidat aller ist, den könnte man auch einfach ernennen. Wobei ja vielleicht die Linke eine Gegenkandidatin aufstellen wird. Auf jeden Fall eine Frau, die dann wieder mal würdevoll verlieren kann….


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