Unabhängige europäische Rating-Agentur?

Unabhängige europäische Rating-Agentur?

Seit dem Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise geistert die Forderung nach einer europäischen Rating-Agentur durch die Köpfe und Sprechblasen der europäischen Eliten, die sich damit dem vermeintlich unfairen Diktat der drei großen US-amerikanischen Agenturen Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s entziehen wollen. Vor allem seit S&P der Euro-Zone offen mit der Herabstufung „gedroht“ hat, wird diese Vorstellung immer verlockender. Von deutschen Parlamentariern stammt dabei die Idee, solch eine Agentur ähnlich der Stiftung Warentest aufzubauen.

Nun hat sich aber schon im ganzen Verlauf der Krise gezeigt, dass die Vorstellungen von Wirtschaft und Unabhängigkeit von Institutionen wie Zentralbanken von Land zu Land andere sind. Nebenbei sind diese unterschiedlichen Mentalitäten neben der Überschuldung ja auch der Hauptagrund für die Probleme der europäischen Gemeinschaftswährung.

Wird hier nun also von einer unabhängigen, europäischen Rating-Agentur phantasiert, sollte man vorsichtig sein. Schon die gleichzeitige Nennung der Begriffe europäisch und unabhängig sollte stutzig machen. Wenn die Agentur wirklich unabhängig ist, warum sollte sie dann dezidiert europäisch sein müssen? Die drei großen bestehenden Agenturen werden vor allem von den europäischen Eliten als US-amerikanisch und somit von den USA beeinflusst angesehen, was mittlerweile die Formen von üblen Verschwörungstheorien annimmt, nach denen die allmächtige US-Regierung oder – noch besser – die Juden hinter den bösen Ratings stecken würden.

Das Geschacher um den Einfluss auf die EZB, den Deutschland langsam aber sicher verlieren wird, zeigt außerdem, was von der Unabhängigkeit zu halten ist, wie sie von Ländern wie Frankreich verstanden wird. So wie man dort am liebsten die EZB direkt steuern würde, würde man auch versuchen, in die Arbeit einer angeblich ach so unabhängigen Rating-Agentur einzugreifen. Frankreich hat gerade erst wieder bewiesen, dass man an höchster Stelle der Meinung ist, dass das Rating der Briten falsch sei, die seien viel zu gut, man selbst dagegen zu schlecht bewertet. Bei einer von oben aufgebauten europäischen Rating-Agentur würde es wahrscheinlich wie im Kindergarten zugehen, in dem jeder jeden verpetzen will.

Das ewige Eindreschen auf die Rating-Agenturen ist sowieso müßig. Sie haben ihren Einfluss durch politische Entscheidungen zugespielt bekommen. Insbesondere die Regelungen der ersten Säule von Basel II begründen den heutigen Einfluss der Rating-Agenturen. Dass dabei die US-amerikanischen Agenturen groß im Geschäft sind hat nichts mit Verschwörung zu tun.

Brauchen wir also eine europäische Rating-Agentur? Nein, aber eine von unten aufgebaute Rating-Agentur wird niemand verbieten. Nur muss die sich dann auch erst ihre Reputation erarbeiten, denn das ist das eigentliche Kapital der Agenturen. Die Reputation speist sich einerseits aus den Ratings selbst, aber auch aus der Unabhängigkeit der Agenturen. Was wollte man also mit einer europäischen Agentur, bei der jeden Tag Nicolas Sarkozy anruft, um sich über David Cameron zu beschweren?.


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