Jolla: Eine kleine Jolle gegen die Galeonen des Handy-Markts

Jolla: Eine kleine Jolle gegen die Galeonen des Handy-Markts

Jolla Sailfish OS

Jolla Sailfish OS

Als Nokia im September 2011 mit dem N9 dass erste und letzte Smartphone mit MeeGo als Betriebssystem herausbrachte, war dies sein letztes Telefon mit einem eigenen neuen Betriebssystem. Und obwohl das Telefon in der Fachpresse gute Noten erhielt, war es schon mit seiner Geburt zum Tode verurteilt, denn Nokia hatte zwischendurch bekanntgegeben, in Zukunft auf Microsoft Windows Phone zu setzen. In den großen Mobilfunkmärkten wie den USA und Deutschland wurde das Gerät erst gar nicht offiziell auf den Markt gebracht, war aber trotzdem über Reimporte aus der Schweiz bei deutschen Händlern erhältlich.

Zusammen mit der Schwenk auf Windows Phone baute Nokia nach und nach auch seine Forschungs- und Entwicklungsabteilungen für die bisherigen Betriebssysteme ab, allen voran die für MeeGo, das man vorher noch zusammen mit Intel vorangetrieben hatte. Ehemalige Entwickler aus dem Umfeld von MeeGo und dem N9 schlossen sich daraufhin zum neuen Unternehmen Jolla, zu Hause in Helsinki, zusammen, um ihre Erfahrungen in ein neues Linux-basiertes Ökosystem namens Sailfish OS für Mobiltelefone einfließen zu lassen.

Am 21. November 2012 hat Jolla nun auf der Slush-Konferenz in Helsinki sein neues Betriebssystem und sein Geschäftskonzept der Öffentlichkeit vorgestellt.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob die Welt einen weiteren Anbieter von Smartphones und dafür geeigneten Betriebssystemen braucht, nachdem der Markt größtenteils zwischen Apples iOS und Googles Android aufgeteilt ist, in dem es selbst für Schwergewichte wie Microsoft zusammen mit Nokia schwer ist, neue Produkte zu platzieren. Diese Sicht der Dinge ist allerdings sehr euro- bzw. westzentriert, denn es gibt weltweit noch viele weitere Anbieter von Telefonen und Betriebssystemen, als auf den westlichen Märkten erhältlich sind. Insbesondere in den asiatischen und südamerikanischen Schwellenländern gibt es eine ganze Reihe hier unbekannter Anbieter. Und selbst der Riese Samsung entwickelt zusammen mit Intel weiter am Maemo/MeeGo-Nachfolger Tizen und die Mozilla Foundation möchte mit ihrem Firefox OS die Idee des freien Internet auf die Mobilfunkökosysteme ausweiten.

Es verwundert daher nicht, dass Jolla mit seinem Sailfish OS genannten Betriebssystem den Wegen folgt, den auch die anderen Herausforderer nehmen. Man will ein echtes offenes Ökosystem auf Basis von quelloffener Software schaffen und hat sich die noch wachsenden Märkte in den Schwellenländern, allen voran den chinesischen, als Hauptziel für die Produkte auserkoren. In China hat man mit D.Phone dafür auch schon einen starken Partner gefunden, so ist es nicht überraschend, dass die Offiziellen von Jolla immer wieder die Wichtigkeit des chinesischen Marktes betonen.

Ähnlich wie Goolge will man sowohl eigene Telefone als technologische Speerspitze anbieten, dass System aber auch anderen Anbietern zur Verfügung stellen. Hardware, also echte Telefone, wurden dabei bisher noch nicht vorgestellt, lediglich über die Benutzeroberfläche ist seit der heutigen Präsentation etwas bekannt – 2013 soll es dann irgendwann soweit sein.

Sailfish OS

Die Präsentation der Benutzeroberfläche machte einen interessanten Eindruck, auch wenn noch nicht allzu viel zu sehen war. Man beschränkte sich auf die bisherigen Alleinstellungsmerkmale des Systems, wobei es natürlich auch so ist, dass viele Konzepte einfach erfolgreich etabliert sind und es keinen Sinn macht, dass Rad jedes mal vollständig neu zu erfinden.

Bei der Bedienung scheint man das tastenlose Konzept von MeeGo auf dem N9 konsequent weiter zu führen, indem die meisten Aktionen durch Wischgesten ausgeführt werden. Wo man beim N9 horizontal durch die drei Bildschirme (Anwendungsstarter, laufende Anwendungen, Ereignisübersicht) wischte, ist es bei Sailfish eine vertikale Aneinanderreihung der verschiedenen Bereiche.

Auch beim Multitasking, dem gleichzeitigen Verwenden mehrerer Anwendungen führte man die guten Funktionen des N9 konsequent weiter, indem die Miniansichten der laufenden Anwendungen nun Bedienelemente zur direkten Interaktion erhalten. Um ein Lied weiter zu schalten braucht man die Musikanwendung bspw. nun nicht mehr erst aufrufen, sondern kann direkt aus der Übersicht einen eingeblendeten Vorwärtsknopf drücken.

Eine Ambient UI genannte Funktion soll die Oberfläche einfach an die Vorlieben und Stimmungen des Nutzers anpassbar machen. Ein anderes Hintergrundbild führt dabei auch automatisch zu einer dazu passenden Farbgestaltung der gesamten Umgebung. Ob das nun aber durch vorgefertigte Profile erfolgt oder ob die Bildfarben wirklich analysiert werden, war nicht ersichtlich.

Das Henne-Ei-Problem

Betriebssysteme bieten idealerweise ein nahrhaftes Ökosystem, in dem viele interessante Anwendungen von Drittanbietern entstehen können. Die Faszination von Android und iOS entsteht für viele Nutzer auch aus der Verfügbarkeit von über 500.000 Anwendungen. Wobei sich da natürlich die Frage stellt, wer über 1000 verschiedene Anwendungen und Widgets für Uhren oder die 100. Furz-App braucht. Nichtsdestotrotz stehen junge Betriebssysteme vor diesem Problem. Entwickler möchten gerne eine große Basis potentieller Kunden für ihre Anwendungen haben, und die potentiellen Kunden möchten gerne ein breites Angebot an Anwendungen. Dazu kommen heute noch andere Bereiche wie integrierte Läden für Musik, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher in digitaler Form.

Hier kommt Jollas Sailfish OS zumindest seine Open Source Basis und seine versprochene Offenheit zugute. Nachdem Whatsapp auf Grund der relativ geringen Nutzerbasis des N9 nicht willens war, einen Client für das N9 zu entwickeln nahmen sich ein paar Entwickler aus der Gemeinschaft rund um MeeGo der Sache an und programmierten einen respektablen Client für das IM-Netzwerk. Es kann also viel Wert sein, ein paar Enthusiasten mit dem Versprechen auf Offenheit anzuziehen, auch wenn es dem normalen Nutzer (leider) ziemlich egal sein dürfte, ob sein System nun offen oder proprietär ist.

Kleiner Ausblick

Ob Jolla Erfolg haben wird lässt sich schwer sagen, aber das die Leute dahinter gute Telefone und Software bauen können haben sie mit dem Nokia N9 bewiesen, dessen Erfolg Nokia aus strategischen Gründen geopfert hat. Auch wenn es durch die beiden Riesen Apple und Google so scheint, als wäre der Markt gesättigt und aufgeteilt, so ist er doch weiterhin sehr dynamisch, wie neue Mitspieler wie Firefox OS und Tizen zeigen. Dazu kommt, dass sich gerade die hier eingesetzten Technologien schnell wandeln und so immer wieder neue Möglichkeiten für Einsteiger bieten. Firefo OS setzt bspw. konsequent auf Techniken aus dem WWW für das gesamte System und möchte so Internet und Gerät noch enger verzahnen und dabei Offenheit bieten, auch Tizen geht diesen Weg.

Es bleibt also spannend und die Fokussierung auf die Schwellenländer als Hauptmärkte macht der alten Welt deutlich, dass die Musik längst nicht mehr nur bei ihren Kunden spielt. Jetzt bleibt es abzuwarten, ob Jolla weitere starke Partner finden kann und ob sie interessante Geräte auf den Markt bringen können, und das nicht nur im hochpreisigen Bereich. Ausgerechnet Google macht es mit dem Nexus 4 gerade vor, dass man auch für relativ wenig Geld ein sehr gutes Telefon verkaufen kann..


Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code class="" title="" data-url=""> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> <pre class="" title="" data-url=""> <span class="" title="" data-url="">